Ob eigene Tochtergesellschaften vor Ort, Produktionspartner, Lieferanten oder Absatzmärkte: Die neuen Anforderungen wirken sich weit über die Grenzen Chinas hinaus aus und werden zunehmend zu einem relevanten Faktor für Compliance, Risikomanagement und Wettbewerbsfähigkeit.
Ab dem 30. April 2026 müssen mehr als 400 große börsennotierte Unternehmen erstmals verpflichtende ESG-Berichte für das Geschäftsjahr 2025 veröffentlichen. Betroffen sind insbesondere Unternehmen aus den wichtigsten chinesischen Aktienindizes der Börsen in Shanghai und Shenzhen. Parallel arbeitet die chinesische Regierung daran, bis 2030 ein landesweit einheitliches Nachhaltigkeitsberichtssystem zu etablieren.
Im Zentrum dieser Entwicklung stehen die sogenannten Chinese Sustainability Disclosure Standards (CSDS). Diese neuen Standards orientieren sich bewusst an internationalen Rahmenwerken wie den Vorgaben des International Sustainability Standards Board (ISSB), berücksichtigen gleichzeitig jedoch die politischen und wirtschaftlichen Prioritäten Chinas.
Dazu zählen insbesondere die nationalen Klimaziele mit dem Erreichen des Emissionshöhepunkts bis 2030 und der angestrebten Klimaneutralität bis 2060 sowie weitere staatliche Entwicklungsziele wie Ressourceneffizienz, Kreislaufwirtschaft und die Förderung regionaler Entwicklung.
Für internationale Unternehmen bedeutet dies eine zunehmende Annäherung der Berichtssysteme. Wer in China tätig ist, wird künftig sowohl globale als auch nationale Anforderungen berücksichtigen müssen.
Die doppelte Wesentlichkeit wird zum gemeinsamen Nenner
Besonders interessant für europäische Unternehmen ist die Übernahme des Prinzips der doppelten Wesentlichkeit.
Dieses Konzept bildet bereits die Grundlage der europäischen Nachhaltigkeitsberichterstattung nach CSRD und ESRS. Unternehmen müssen dabei zwei Perspektiven betrachten:
- Wie beeinflussen Nachhaltigkeitsthemen diewirtschaftliche Entwicklung des Unternehmens? (outside-in)
- Welche Auswirkungen hat das Unternehmen selbst auf Umwelt und Gesellschaft? (inside-out)
Während sich viele frühere Berichtssysteme primär auf finanzielle Risiken konzentrierten, verlangt die doppelte Wesentlichkeit eine deutlich umfassendere Betrachtung.
Für deutsche Unternehmen mit chinesischen Tochtergesellschaften oder Lieferanten entsteht dadurch ein wichtiger Vorteil: Die methodischen Grundlagen der Nachhaltigkeitsberichterstattung nähern sich an. Prozesse, Wesentlichkeitsanalysen und Datenerhebungen können künftig stärker miteinander verzahnt werden.
Parallel zu den chinesischen Entwicklungen bestehen auch in Europa Anforderungen an Transparenz und Sorgfaltspflichten. Das deutsche Lieferkettensorgfaltspflichtengesetz sowie die europäische Corporate Sustainability Due Diligence Directive (CSDDD) verlangen von Unternehmen, menschenrechtliche und umweltbezogene Risiken entlang ihrer Lieferketten zu identifizieren und zu minimieren.
Genau hier entstehen wichtige Schnittstellen: Je stärker chinesische Unternehmen ESG-Daten erfassen und offenlegen müssen, desto besser können deutsche Unternehmen ihren eigenen Nachweispflichten nachkommen.
Klimaschutz und Ressourceneffizienz als wichtige Berichtsthemen
Der wichtigste Schwerpunkt der neuen Berichterstattung ist der Klimaschutz.
China verfolgt ehrgeizige Dekarbonisierungsziele und baut sein nationales Emissionshandelssystem (ETS) kontinuierlich aus. Während bislang vor allem der Energiesektor erfasst wurde, werden zunehmend weitere energieintensive Industrien einbezogen.
Insbesondere Unternehmen aus den Bereichen:
- Stahl
- Zement
- Aluminium
- Chemie
- Energieversorgung
müssen künftig deutlich detailliertere Emissionsdaten erfassen und offenlegen.
Für deutsche Unternehmen entlang dieser Wertschöpfungsketten steigt damit die Verfügbarkeit belastbarer Klimadaten aus China erheblich. Gleichzeitig wächst jedoch auch der Druck auf Lieferanten, ihre Emissionen transparent und nachvollziehbar zu dokumentieren.
Neben dem Klimaschutz verfolgt China seit Jahren das Ziel, seine Wirtschaft ressourceneffizienter auszurichten.
Der 15. Fünfjahresplan (2026–2030) knüpft an die Ziele seines Vorgängers an und betont die Bedeutung einer Kreislaufwirtschaft, einer effizienteren Ressourcennutzung sowie der Reduzierung von Abfällen. Entsprechend werden Unternehmen künftig verstärkt über Themen wie:
- Materialeinsatz
- Recyclingquoten
- Abfallmanagement
- Ressourceneffizienz
- Wiederverwendung von Rohstoffen
berichten müssen.
Ein weiterer Trend betrifft den Schutz von Ökosystemen und biologischer Vielfalt. Mit dem Nationalen Strategieplan für Biodiversität 2023–2030 hat China den Schutz natürlicher Lebensräume stärker in seine Nachhaltigkeitsagenda integriert. Unternehmen müssen künftig vermehrt offenlegen, welche Auswirkungen ihre Aktivitäten auf Ökosysteme, Landnutzung und natürliche Ressourcen haben.
Auswirkungen auf den deutschen Außenhandel
Die neuen Berichtspflichten haben auch direkte Auswirkungen auf den Handel zwischen Europa und China. Besonders relevant ist der europäische Carbon Border Adjustment Mechanism (CBAM), der ab 2026 vollständig wirksam wird. Für zahlreiche emissionsintensive Produkte müssen künftig reale Emissionswerte nachgewiesen werden.
Darüber hinaus entwickelt sich Nachhaltigkeit zunehmend zu einem Finanzierungsfaktor. China verfügt mittlerweile über einen der weltweit größten Märkte für grüne Finanzierungen – also ein staatlich gesteuertes Finanzsystem, das darauf ausgerichtet ist, Kapital gezielt in kohlenstoffarme und nachhaltige Projekte zu lenken. Unternehmen mit überzeugenden ESG-Leistungen erhalten häufig bessere Finanzierungskonditionen sowie einen erleichterten Zugang zu grünen Krediten und Anleihen.
Was deutsche Unternehmen jetzt tun sollten
Auch wenn viele Regelungen rund um die CSDS zunächst nur für chinesische Großunternehmen gelten, werden ihre Auswirkungen entlang der gesamten Wertschöpfungskette spürbar sein.
Unternehmen, auf die mindestens einer der folgenden Punkte zutrifft, sollten daher frühzeitig handeln:
- Standort(e) in China
- Export nach China
- Tochtergesellschaft(en) in China
- Chinesische Lieferanten
- Datenanfragen chinesischer Stakeholder
Die Nachhaltigkeitsberichterstattung in China entwickelt sich von einer freiwilligen Kommunikationsmaßnahme zu einem zentralen Instrument der Unternehmenssteuerung. Für deutsche Unternehmen entstehen dadurch neue Anforderungen, aber auch neue Chancen. Damit diese wahrgenommen werden können, sollten folgende Dinge beachtet werden:
- die Harmonisierung von ESG-Reporting-Systemen zwischen Europa und China,
- der Aufbau digitaler Systeme zur Datenerfassung,
- die Verbesserung der Transparenz entlang der Lieferketten,
- die enge Zusammenarbeit mit lokalen Partnern und Teams vor Ort sowie
- die frühzeitige Identifikation wesentlicher Nachhaltigkeitsrisiken.



